Gebirge im Meer – Insel der Schönheit

Eine Insel, mediterranes Klima, Sonne und ein in allen Blautönen schimmerndes Meer, so stellt man sich wohl Badeferien vor.

Aber es geht auch anders.

Korsika, eine zu Frankreich gehörende Insel,  wollen wir, eine kleine Gruppe von sechs Personen, mit dem Motorrad erkunden. Eine Woche steht uns zur Verfügung und wir beschränken uns auf das nördliche Departement. Ausgangspunkt ist Bastia, eine alte Hafenstadt mit viel Charme. Enge Gassen, bunte Fensterläden an hohen,  alten Stadthäusern prägen das  Bild. Die kleine Bucht des alten Hafens ist Ankerplatz für Yachten, und die grösste Kirche Korsikas, die Eglise St-Jean-Baptiste, steht majestätisch an der Uferpromenade.

Unsere Tour führt uns Richtung Norden zum Cap Corse, dem nördlichsten Punkt Korsikas auf einer Landzunge von 40 km Länge. Über schmale Serpentinenstrassen geht die Fahrt dem Meer entlang, vorbei an kleinen Fischerdörfern, und immer wieder säumen Genuesentürme den Wegrand. Das Wetter zeigt sich Anfang Oktober noch von der schönsten Seite. Strahlend blauer Himmel und Temperaturen um die 24 Grad sind beste Voraussetzungen für unsere Motorradreise. Die Küstenstrasse D 80 um das Cap Corse herum ist kurvenreich und enge Strassen lassen ein Gefühl von Natur pur aufkommen. Auf der einen Seite hohe, zerklüftete Felswände und auf der anderen Seite Macchia bis fast hinab zum Meer. Rund die Hälfte der Insel ist von Macchia, einem zwei bis fünf Meter hohen Buschwald bedeckt, der im Herbst nach dem heissen Somm, eher an eine Steppe erinnert.

Calvi und seine Zitadelle

Wir lassen kleine Dörfer und Städtchen hinter uns und machen den ersten Halt in Patrimonio, kurz vor St. Florent, um eines der vielen Weingüter zu besichtigen. Das Weingut «Cave Montemagni» ist eines von sechs Anbaugebieten, welche das Prädikat AOC tragen dürfen. Wir staunen nicht schlecht, dass der Kellermeister eine junge Frau ist, die auch noch recht gut deutsch spricht. Emanzipation auf korsisch! Auf eine Weinverkostung verzichten wir, dürfen aber eine Flasche Muscat als Präsent mitnehmen. Über die «Desert des Agriates» verläuft die Tour nordwestlich bis nach Calvi, dem Ziel der ersten Tagesetappe.

Malerisch liegt die Stadt Calvi an einer natürlichen Bucht, die Uferpromenade ist eher mondän, und hoch oben auf der Klippe thront die Zitadelle. Die Stadt hat in früherer Zeit vielen Belagerungen widerstanden und galt lange als eine Bastion der Genuesen. Beschwerlich ist der Aufstieg zur Zitadelle. Wir verzichten darauf, obwohl man uns sagt, der Ausblick sei gewaltig.

Westkorsika

Kurvenreich gehts am nächsten Morgenweiter. Über die Küstenstrasse fahren wir Richtung Galeria, über den Col de la Croix an den Golf von Porto. Porto gehört schon zum Departement Süd. Rotes, bizarres Granitgestein prägt das Gesamtbild. Eine Szenerie, wie sie nur die Natur hervorbringen kann. Eine Landzunge bei Porto (Scandola, Unesco-Weltkulturerbe) ist eines der insgesamt sechs Naturreservate. In Porto hat man es sich zur Aufgabe gemacht, im Einklang mit der Natur, dem Handwerk, der Bevölkerung und den Touristen zu leben. Besonders bemerkenswert ist, dass alle Naturreservate der Öffentlichkeit zugänglich sind. Für Wanderfreunde ein Eldorado; sei es von Küste zu Küste zu wandern oder eine der grossen GR20- Wandertouren zu unternehmen. Das Hinterland von Porto war lange Zeit isoliert und hat sich dadurch seine Ursprünglichkeit bewahren können.

Die Calanches – ein Muss

Spektakulär sind die Felslandschaften der Calanches. Je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung wechseln sie die Farben von Orange auf Rot. Es ist ein bekanntes Touristenziel und erst hier, ausser in den Städten, sind wir nicht mehr fast allein unterwegs. Wir fahren von der Küste östlich in die Berge. Schier unendlich zieht sich das Band der kleinen Strasse vom Meer in die Höhe hinauf. Durch die Spelunca-Schlucht, sprich Gorges de Spelunca, erreichen wir das Bergdorf Evisa. Das Dorf ist von Kastanienwäldern umgeben, und hier in den Bergen ist auf den Strassen Vorsicht geboten. Frei laufende, halbwilde Hausschweine, Ziegenherden und auch vereinzelte Kühe geben sich ein Stelldichein. Nirgends eine abgesperrte Koppel, alles in «Gottes freier Natur». Da möchte man Schwein sein!

Die Stadt Corte und Paoli

Wir nehmen den höchsten Pass von Korsika, den Col de Vergio (1467 m ü.M.) unter die Räder. Es ist noch früh, und die Bergspitzen sind im Nebel verhangen. Auch ist es empfindlich kühl. Aber schon weiter unten am Fusse des Calacuccia-Stausees mit dem höchsten Berg, dem Monte Cinto (2800 m) im Hintergrund, wird es wieder angenehm warm. Eine in den Fels gesprengte Strasse, die «Scala di St. Regina » bringt uns in die einzige Universitätsstadt der Insel nach Corte. Das Stadtzentrum ist vom Verkehr her ein einziges Chaos. Kein Wunder, denn mit einer Bevölkerung von 6000 Menschen, zuzüglich 4000 eingeschriebenen Studenten, ist wohl irgendwann die Infrastruktur am Ende. Wir finden keinen Parkplatz und erlauben uns, unter dem Denkmal des berühmten Pascal Paoli zu parkieren. Corte war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Sitz der korsischen Nationalregierung, und unter Pascal Paoli wurde eine vorbildliche demokratische Verfassung verabschiedet. Auch heute noch, Jahrhunderte später, bleibt Paoli für die Korsen ein Vater der Nation und Nationalheld – verdientermassen wohl.

Der Kreis schliesst sich

Wir sind auf der Rückfahrt nach Bastia. Nur zu schnell gingen die Tage vorüber. Wenn man bedenkt, dass wir im Durchschnitt pro Tag nur 140 Kilometer gefahren sind, ist man bestrebt zu sagen: «Was, so wenig?» Nur sind wir in Korsika, hier mahlen die Mühlen viel langsamer, und Entfernungen werden nicht in Kilometern angegeben, sondern in Stunden. Die Insel hat Eindruck gemacht und steckt voller Überraschungen. l

BÄRBEL MEYER

Gebirge im Meer – Insel der Schönheit

KORSIKA

86% Bergland, zum Teil Hochgebirge 14% Küstentiefland

Porto und das Meer (oben) und die Calanches eröffnen beste Ausblicke.

Die Insel unterteilt sich in zwei Departemente, Corse-du-Sud (2A, Ajaccio)und Haute-Corse (2B, Bastia).Klima: heisse, trockene Sommer undmilde, feuchte Winter. Kulinarisches:Die typische korsische Küche ist deftig. Das Fleisch der halbwilden Hausschweine wird über Kastanienholz geräuchert. Speziell sind auch zahlreiche Arten von Käse aus Schafs- und Ziegenmilch.

Tourismus: Bisher wenig erschlossen, was im Interesse der Korsen und deren Tradition liegt. Preise:

Korsika ist keine Billiginsel, die Preise liegen eher über dem Durchschnitt des Festlandes Frankreich.

(bm)

Tourismusbüro «Agence Du Tourisme De La Corse» www.visit-corsica.com

Es gibt viele Fährverbindungen nach Bastia oder Ajaccio. Bastia ist in ca. 6 Std., und Ajaccio in ca. 12 Std. erreichbar.

www.corsicaferries.com

Winterfluchten für Kurzentschlossene:

Weihnachtstour vom 22. 12. bis 26. 12. 2008, Silvestertour vom 29. 12. bis 2. 1. 2009. Preis: 591 Euro (5 aktive Fahrtage, Ü/F im Appt., individuelle Terminverlängerung möglich, Mietmotorräder auf Anfrage). Hierbei wird eine separate Endurogruppe gebildet, also On- und Offroad. Auch für geführte Gruppenreisen wende man sich an:

www.endurofuntours.com

REISE-INFOS

Das Dörfchen Nonza und Jochen, unser Guide, der immer gut drauf war.

So präsentieren sich die typischen Küstenstrassen, hier in der «Desert des Agriates». Bilder: Bärbel Meyer

14 l l der landbote l Donnerstag , 20. november 2008