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05. März 14 , 19:50

Eine ganz normale Kindheit - Die Unterdrückung der Männlichkeit, Lust und männlichen Sexualität

Kategorie: Wissenschaft, Aktuell, Mensch, Leib & Seele
 

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Ein Mitte 50er, der sein Leben lang unter Verkrampfungen, Schmerzen, depressiven Verstimmungen und Schwindel gelitten hat, kam langsam auf seine dahinter stehende grundlegende Wut und Aggression. Alles Lustvolle, Männliche, Sexualität, sogar ein Mann zu werden war von seiner Mutter mit Ängsten und Schmerzen begegnet worden. Wenn sie etwas Derartiges in ihm erblickte, bekam sie Angst und Schmerzen in den Augen, und er durfte ihr kein Leid zufügen.
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Von der Großmutter, von der er oft betreut wurde, musste er Hasstiraden auf die Männer " sind alle Schweine, Säufer und Vergewaltiger" über sich ergehen lassen. Bei dieser Frau hatte er noch so etwas wie Geborgenheit gefunden. Er wurde bestimmt, wie er zu leben habe, was richtig und falsch sei, und er musste das Böse, das Falsche in sich bekämpfen. Er hatte Angst vor diesem Bösen, und das erzeugte in ihm eine doppelte Wut, einerseits gegen das Böse in sich selbst, der Autoaggression, und andererseits gegenüber den Personen, die erst das Böse geschaffen haben. Als kleines Kind glaubt er naturgemäß den Eltern alles und identifizierte sich mit dem Bösen. Die Ängste der Mutter waren sozusagen seine eigenen Ängste. Die Mutter und die Eltern hatten die Deutungshoheit. Lust zu empfinden und zu haben, war für ihn gefährlich. Der Wille der Mutter herrschte vor, er wurde sozusagen gewollt. Sein Willen kam gar nicht vor, ein anderer Willen war anstelle seines eigenen Willens, und für seinen Willen muß er erst die Worte finden. Auf der unteren Ebene bleibt aber ein Gefühl des Widerspruches, ein Widerspruch gegen alles, was auf ihn einströmte. Er lebte in verschiedenen unausgesprochenen und unaussprechlichen Zuständen. Die Übergriffigkeit der Mutter erzeugte in ihm einen Ekel, und wegen der Identifizierung mit seiner Mutter einen Selbstekel. Er hatte seinen Willen seiner Mutter und zu ihrer Selbststabilisierung aufgeopfert.

Hinzu kam das Wohlgemeinte bzw. Wohlwollen der Mutter, von dem sie völlig überzeugt war, dass dies zu seinem besten sei. Das verhinderte noch zusätzlich seinen Protest und bereitete ihm Schuldgefühle. Früher war alles für ihn selbstverständlich, heute kommt er sich nach einer fortgeschrittenen Therapie wie kastriert vor. Sein verstummter Protest, sein Schwebezustand, einerseits daran zu glauben, andererseits dagegen protestieren, hat ihm Schmerzen bereitet und ihn soviel Kraft gekostet. Inwieweit das alles ihn behindert hat, hat ihn noch zusätzlich wütend gemacht. Er war erstaunt, was so alles auf ein Kind abgeladen wird, wie beängstigend das ist, und dass dies unbewusst in ihm arbeitete und erst jetzt zu Tage kommt. Das Knäuel aus Angst und Wut, hat ihn körperlich und seelisch das Leben lang bestimmt und ihn kaputtgemacht. Es ist eigentlich verwunderlich, dass er sein Leben ohne größere körperliche Erkrankungen überstanden hat.

Man muss sich vor Augen führen, Ende des 19. Jahrhunderts vertraten die meist gelesenen pädagogischen Bücher von einem Herrn Schreber, einem Orthopäden, der auch Apparate zur besseren Haltung erfunden hat, die These; "der Wille des Kindes ist um jeden Preis zu brechen". Die Unterdrückung des Willens ist der Kern der menschlichen Persönlichkeit, und das hat Folgen im völkischen Bewusstsein. Einerseits sind die geliebten Eltern die Unterdrücker, denen blind zu gehorchen ist, einem Kadavergehorsam, ja sogar einem vorauseilendem Gehorsam, die Wünsche den Eltern von den Augen abzulesen und vorher zu wissen anderseits erzeugt das Aggressionen und Trotz gegenüber ihnen, so dass der Wille des Kindes umso mehr zu brechen ist, einem Teufelskreislauf. Einerseits erzeugt das den Glaube an die Richtigkeit der Erziehung, an das eigene Böse, andererseits die Aggressionen. In diesem Dilemma müssen diese unter geeigneten gesellschaftlichen Bedingungen nach außen abgeführt werden, sonst erstickt der Einzelne an diesen Aggressionen. Meiner Ansicht nach ist dies einer der Hauptgründe, dass die Nazis so bösartig und vernichtend auf die Juden und andere Gruppen wie Zigeuner, Homosexuelle und psychisch Kranke losgegangen sind. Sie haben sozusagen andere in dem Maße auf vernichtet, wie sie selbst im Kern ihres Selbstbildes vernichtet wurden.

Jedoch zurück zu meinem Patienten. Seine Großmutter war vertrieben und vergewaltigt worden, was ihren Hass auf die Männer erklärt. Sie konnte sich ihr Leben lang nicht damit abfinden. In ihrem Sinne hatte sie ihre Tochter erzogen, die das Ganze ihn Wohlmeinung umwandelte und immer das Beste wollte. Aus ihrer Sicht war verständlich, dass sie aus dem vorgegebenen Hass noch das Beste machte. Sie selbst hatte jedoch gegen die Normen und den Haß verstoßen, indem sie 17 jährig von ihrem Lehrer ein Kind empfang, das der Patient war. Man könnte es auch so verstehen, dass sie wieder etwas gut zu machen versuchte, was vorher zerbrochen war, aber die Schuldgefühle überwogen. Der Sohn musste ihre Schuldgefühle ausgleichen, indem er besonders anständig war. Dieser war ihrem Erziehungsstil ausgesetzt, ohne über die Hintergründe und Zusammenhänge Bescheid zu wissen. Da er der Mutter voll glaubte, von ihren Thesen überzeugt war, ganz mit ihr identifiziert war, musste er seinen Protest auf die untere Stufe verbannen, verstummen und litt unter Verkrampfungen und Schmerzen, ohne sich über die Ursachen im Klaren zu sein. In seinen Beschwerden war und ist er der lebende Zeuge für seine Eltern, für eine transgenerationellen Vergangenheit, die Gegenwart ist.

Aber auch er selbst verführte in der Kindheit seine jüngere Schwester, was von Schuldgefühlen begleitet war, weswegen er vorübergehend sehr fromm wurde und sich einer Sekte anschloss. Später hatte für ihn der Beruf als Versicherungsangestellter in meinen Augen eine große, halt gebende Bedeutung. Er ist aber nie eine intimere Frauenbeziehung eingegangen. Er übernahm bei Frauen den zuhörenden, verständnisvollen Part, wohlmeinend in bester Absicht, die Situation seiner Kindheit, aber eine Zwangssituation.

Der Mensch ist in seiner Kindheit in seiner Person, in seinem Willen und seiner Eigenständigkeit, als Junge oder Mädchen, auch bei seiner Loslösung, auf ein bestätigendes, akzeptierendes Umfeld, und da besonders der Mutter, angewiesen. Dann entwickelt er ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Der Mensch ist ein soziales Wesen. In vielen Fällen, ja partiell sogar bei den meisten Menschen, sind die Eltern von ihrer Herkunft so belastet, dass sie das nicht hinkriegen. Die Störungen werden transgenerationell vererbt. Im Falle meines Patienten brachten ihn nicht nur einfache Gebote und Verbote dazu, sich selbst aufzugeben, der Selbstkorrumpierung, sondern noch die Überzeugung, dass alles zu seinem Besten geschehe. Das alles geschah in einem Alter, dass es wie selbstverständlich, es versteht sich von selbst, in ihn überging. Sämtlicher Protest wäre von erheblichen Schuldgefühlen begleitet gewesen, die er noch nicht einmal spürte.

Ich stelle mir die Frage, was mag wohl in einer Kindheit passieren, daß jemand zu einem Pädophilen, einem Päderasten oder einem Perversen wird. Ich kann nur spekulieren, da ich auf Vermutungen angewiesen bin, der Pädophile sucht im unschuldigen Kind die Unschuld seiner eigenen verlorenen Kindheit, und gleichzeitig kommt der aggressive Aspekt hervor, das andere Kind soll es nicht besser haben als er selbst, wobei er sich einbildet, dem Kind etwas Gutes zu tun. Dieser Zustand ist meist unveränderlich, und eine Therapie nutzt nichts. Oder etwa einem Exhibitionisten, der endlich in den Augen von Frauen seinen Penis akzeptiert sehen möchte, und gleichzeitig sich an ihrem Schrecken weidet, dass es ihnen nicht besser ergeht als ihm selbst in seiner Kindheit. Wie überhaupt Symptome auf einen Konflikt hinweisen und ihn gleichzeitig kaschieren.

Ich hatte einen Mutiple Sklerose(MS)-Patienten, der dreifach gefesselt war. 1. seine größte Angst war, an den Rollstuhl gefesselt zu sein. 2. Im Angesicht seiner Mutter spielte er ihr die Erfolge in seinem Leben vor, während er sich als Versager empfand, dann war die Mutter glücklich und er glücklich. Hinterher schämte er sich, was er ihr wieder seinen Erfolg vorgespielt hatte. Aber er konnte ihr nicht reinen Wein einschenken und dafür ekelte er sich vor sich selbst.  3. Sein männliches Lustempfinden empfand er bei gefesselten Frauen. Dazu suchte er Videokabinen auf und empfand sich vereinsamt. Einmal in einer psychosomatischen Klinik fand er eine Frau, die sich dazu bereit fand. Nach kurzer Zeit ließen sie beide es gelangweilt und angeekelt sein. Die Fantasie war doch viel schöner als die Realität - und das ohne Ekel.

Von: Bernd Holstiege