Das Esskastanienmuseum in Jeyeuse

 Serie: Impressionen von der Ardèche (Teil 3/4)

In der Ardèche-Region gibt es viele Museen wie ein Papiermuseum, ein Seidenmuseum, ein Lavendelmuseum, ein Museum der Unterirdischen Welt der Höhlen, eine Ausstellung der Chauvet-Grotte mit Dia- und Videovorführungenein, ein Museum der archäologischen Ausgrabungsstätten, selbst ein Museum der Rhonefischer und allein in Jeyeuse neben dem Kastanienmuseum eine Ausstellung zur Geschichte und Legende und ein Museum der Karikatur und des Humors. In der Kürze der Zeit und im Sinne einer Impression der Region beschränken wir uns auf Empfehlung des Fremdenverkehrsverbandes auf zwei Museen, nämlich das Kastanienmuseum in Jeyeuse und Weinmuseum in Ruoms.

 Unterwegs hatten wir schon viele Kastanienplantagen gesehen, ob gepflegt oder verwildert, bedecken sie die Hügel. Am Morgen des zweiten Tages fuhren wir wieder nach Jeyeuse ins Museum der Edelkastanie, dem Musee de la Chataigneraie, durch das uns Ulla Falke, eine Deutsche, die dort seit 30 Jahren lebt, in für uns faszinierender Weise führte. Das Museum der Eßkastanie – wir sagen dazu auch Maronen - ist in einem alten Kloster aus dem 17. Jahrhundert untergebracht, das mitten in der Altstadt liegt. Das Museum verfügt über eine einmalige Sammlung von Gerätschaften verschiedener Epochen und lässt die Besucher die Arbeit von damals bis heute nachvollziehen, von der Pflege der Bäume im Vorjahr, dem Sammeln der Früchte im Herbst bis zum Trocknen und Schälen im Winter. Das Holz der Edelkastanie, seinen Gebrauch und seine besonderen Eigenschaften können die Besucher  anhand zahlreicher Gegenstände und Möbelstücke kennen lernen, z.B. die aus dem hohlen Baumstamm gefertigten « berles » aus dem 18. Jahrhundert. Heute stellt die Edelkastanie einen durchaus dynamischen Wirtschaftsfaktor dar, und die Ardèche ist ihr grösster Produzent in Frankreich. Das Museum führt den Besuchern moderne Techniken zum Ernten und Schälen vor und erklärt die Herstellung der berühmten „marrons glacés“ .

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Das Museum zeigt die Vergangenheit, in der die Kastanie der „Brotbaum“ in den Cevennen war, bis hin zu den Güte- und Herkunftssiegeln. Unsere Führerin klärte uns über die Geschichte der Kastanie auf, führte uns Werkzeuge und Apparate vor, die alle aus Kastanienholz bestehen und mit denen die Kastanie be- und verarbeitet wurde. Auch Möbel wurden daraus gefertigt. Am eindrücklichsten sind mir noch ein Schrank in Erinnerung, hinten der fast unbearbeitete Stamm, vorne kunstvoll Türen und Fächer eingebaut, und Geräte zum Schälen der gerösteten Edelkastanien, wie Keulen aussehend, gleichend den früheren Kriegskeulen, und mit Nägeln bewehrte schwere Holzschuhe. Mit diesen Geräten war die Ausbeute am Inhalt der Eßkastanie naturgemäß sehr gering und in keinem Preis-Leistungs-Verhältnis. Später wurden die Maschinen immer aufwendiger und komplizierter, etwa die Maschine von Marius Monnier (1928), die schälen, sortieren und abwiegen in einem Arbeitgang kann. Diese Geräte sind alle dort zu sehen.

Frau Falke schilderte uns den verwirrenden Sprachgebrauch rund um die Kastanie. Im Deutschen nennen wir die Esskastanie Marone, im französischen heißt sie Chataigne und dagegen die Rosskastanie Marone. Es gibt weit über zweihundert veredelte Esskastaniensorten, davon 65 an der Ardèche, bei ihnen hängt deren Fleischkörper zusammen, während der der unveredelten in Teile zerfällt. Der Stamm der veredelten Kastanie neigt zur Aushöhlung, während der der unveredelten massiv bleibt. Sie schildert uns die vielfältige Nutzung des „Brotbaums“, ob als  Suppe, Ragout, Püree, Gratin, Konfitüre, als Bierzutat, Kuchen oder Pudding, ob geröstet oder gekocht – die Kastanie ist aus der lokalen Küche nicht fort zu denken.

In einer kleinen Boutique in der Vorhalle kann der Besucher Produkte der Erzeuger und Kunsthandwerker in phantasievoller Verarbeitung von Früchten und Holz erwerben wie z.B. kleine und grosse Skulpturen aus Kastanienholz, Gemälde, Keramik oder Töpferei, einfach alles was eine Beziehung zur Edelkastanie hat. Der Museums-Shop hält eine Vielzahl von Kastanienerzeugnissen für die Besucher bereit, die alle naturbelassen sind wie Honigkuchen, Kastanienhonig, Kuchen und Plätzchen mit Kastanienmehl, Kastanienlikör, Fleischpastete mit Edelkastanien, Kastanienmarmelade natur oder mit Schokolade oder Apfel. Zum Schluss konnten wir noch ein Maronenbier und einen Maronenlikör kosten.

 Mehr als 1000 Jahre war die Kastanie ein Grundnahrungsmittel, das ähnlich wie die Kartoffel als eine „Arme-Leute“ Nahrung jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts an Wert verlor, da Maulbeerbäume zur lukrativen Seidenzucht angepflanzt wurden und die Kastanie verdrängten. Jetzt konnte man nämlich Getreide als Nahrungsmittel einkaufen. Als entdeckt wurde, das die Kastanie sehr viel Tannin enthält, das zur Färbung der Seide und als Gerbstoff für Leder benutzt wird, wurden ganze Wälder abgeholzt und neben den Schädlingen wie der Tintenkrankheit, die durch einen Pilz die Wurzeln zerstört,  beinahe der Kastanie der Garaus bereitet. Es wurde rentabler, die Bäume zur Gewinnung von Tannin zu fällen, als sie zu kultivieren und ihre Früchte zu ernten. Erst nach der Entdeckung des künstlichen Tannins konnten die Wälder wieder wachsen.

 Die Kastanienbäume wachsen auf den „Faysses", den uralten Terrassen im Parc Naturel Régional des Monts d'Ardèche, und bis heute werden in der Ardèche mit 6.000 Tonnen jährlich die meisten Esskastanien Frankreichs geerntet. Zur Blütezeit um 1860 dehnte sich die Kastanienproduktion auf 60.000 Hektar aus, heute werden noch 34.000 Hektar von tausend Kastanienbauern bewirtschaftet. Richtig salonfähig wurde sie aber erst als kandidierte Marone. 1882 industrialisierte Clément Faugier aus der Ardèche die Erzeugung der kandierten Maronen, an denen man sich bereits unter Ludwig XIV. ergötzte. Die Häuser Faugier in Privas, Sabaton in Labégude und Imbert in Aubenas bereiten bis heute die vornehme Nascherei zu, die heute zu den beliebtesten Süßigkeiten in der Weihnachtszeit gehört. Die Ardècheregion ist der Hauptproduzent von Edelkastanien in Europa. Leider sind wir für die „Castanades“, die weltberühmten Kastanienfeste, wo die Gemeinden mit traditionellen Tänzen und Musik die Kastanie feiern, und Produzenten, Künstler und Kunsthandwerker zu treffen sind, und der süße Duft der Kastanie die Täler durchweht, ein paar Wochen zu früh..

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ENDUROFUN Tours, Postfach 43, 25710 Burg / Dithmarschen

Tel.: 0049 - 0 48 25 / 16 95

Informationen zum Gebiet bei:  Ardèche Tourisme,  4, cours du Palais, F-07000 Privas

Tel. +33 4 75 64 04 66   Fax : +33 4 75 64 23 93

Deutschsprachiger Kontakt : emmanuelle.istier@ardeche-guide.com    www.ardeche-guide.com

 Das Kastanienmuseum in Joyeuse   http://www.pays-beaumedrobie.com/fr/musee-chataign/all-accueil-chataigne.php

 Autor: Bernd Holstiege
E-Mail: bernd.holstiege@weltexpress.info
Abfassungsdatum: 16.11. 2008
Foto: © Weltexpress / Bernd Holstiege
Verwertung: Weltexpress
Quelle: www.weltexpress.info
Update: Berlin, 16.11. 2008