Wie ist das nun mit dem freien menschlichen Willen?
 

Neurobiologische Erkenntnisse (Teil 1/2)           

 

Was mag denn nun die die Neurobiologie, die naturwissenschaftliche Biologie des Nervenkostüms, mit dem menschlichen Geist, dessen Gesundheit oder Krankheit zu tun haben? - könnte sich der unbefangene Leser fragen. Mir geht es darum, die Erfahrungen der Hirnforschung auf psychische und zwischenmenschliche Prozesse zu übertragen, dabei vor allem aus medizinischer Sicht auf menschliche und zwischenmenschliche Konflikte und das Krankheitsgeschehen. Mir selbst hat die neurobiologische Sicht geholfen, mir selbst die psychischen, somatischen und psychosozialen Zusammenhänge deutlicher zu machen.

Die neurobiologische Sicht entnehme ich einem Artikel vom 28.9.00 in der FAZ über den Eröffnungsvortrag zum 43. Deutschen Historikertag von Prof. Dr. Wolf Singer (Max-Planck-Institut, Frankfurt) mit der Überschrift „Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen“. Im Vortrag machte er sich Gedanken über die Zuverlässigkeit von Geschichtsdarstellung durch Zeitzeugen und inwieweit historische Dokumente ein adäquates Zeugnis über die geschichtliche Wirklichkeit abgeben.

Für Singer ist das Gehirn ist das Ergebnis eines evolutionären Prozesses, der Strukturen hervorgebracht hat, die sich im jeweiligen Biotop behaupten konnten. Dabei wählte unser Sinnessystem aus einem breitem Spektrum Signale aus der Umwelt aus, die vor allem zum Überleben in einer komplexen Umwelt dienlich sind. Zum Überleben ist die Auswahl wichtig, um aus dem Strom der Sinneswahrnehmungen die Aufmerksamkeit auf das Wichtigste zu lenken, z.B. einen erwarteten Feind schnell und sicher zu erkennen.

In der durch den evolutionären Prozeß geprägten Hirnstruktur hat die Wahrnehmung holistischen Charakter. Die zeitliche Abfolge liegt als gebündelter Gesamteindruck vor, dessen verschiedene Komponenten, einem komplexen Geflecht von Fakten, Beziehungen und Bewertungen, aufs innigste assoziativ miteinander verknüpft sind. Die Wahrnehmungen werden in Engrammen im Gehirn gespeichert, das somatische Substrat des Gedächtnisses. In unserem Gehirn kommen fortwährend weit mehr Sinneseindrücke an, als uns bewußt ist. Viele dieser Signale werden bearbeitet, wobei uns deren Ergebnis nicht ins Bewußtsein gelangt. Diese Ergebnisse erfolgen nach sich herausgebildeten Kriterien etwa nach denen der Logik, sind folglich eine Konstruktion. Weiterhin können wir nicht wahrnehmen, wofür wir keine Sensoren haben. Die Lücken ergänzen wir durch Konstruktionen.

So kann es kommen, daß wenn Menschen nach Motiven für bestimmte Handlungen befragt werden, sie als Folge der Bearbeitungsprozesse frisch erfundene bzw. konstruierte Motive anbieten, die sie selbst für zutreffend halten, aber für die andere Motive entscheidender wären. Für die Begründung seiner Motive lügt dieser Mensch nicht vorsätzlich, sondern er vermag keine lückenlose Kontrolle über seine Gründe haben. Grundsätzlich haben Menschen das unwiderstehliche Bedürfnis, für das, was sie tun, Ursachen und Begründungen zu finden.

Infolge des begrenzten Zugangs zum Bewußtsein besteht ein selektive Wahrnehmung bzw. Aufmerksamkeit. Welche Signale in der Lage sind, in dieser Selektion zum Bewußtsein zu gelangen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Zum einen ziehen besonders auffällige Reize oder Ereignisse die Aufmerksamkeit auf sich. Sie erzeugen besonders starke neuronale Antworten, die die Aufmerksamkeit steuern. Es besteht auch die Option, die Aufmerksamkeit absichtlich zu steuern, wobei gleichzeitig unbewußte Faktoren mit wirken. Weiterhin steuern die Aufmerksamkeit die engrammierten Erfahrungen, die als Erwartungen erwartete Inhalte schneller verarbeiten und bevorzugt über die Sinneskanäle ins Bewußtsein gelangen. Diese Steuerung unterliegt auch unbewußten Einflüssen, so daß unbewußte Reize und Erinnerungen unbewußte Erwartungen auslösen und die Aufmerksamkeit auf bestimmte Sinnessignale richten. Somit nehmen wir oft nur wahr, was wir ohnehin erwarten. Oft vereiteln auffällige, aber vielleicht unbedeutende Reize die Wahrnehmung der leisen, aber vielleicht viel wichtigeren Vorgänge.

Welche fatalen Auswirkungen diese biologischen Mechanismen auf die Zuverlässigkeit der Berichte von Augenzeugen (etwa bei gerichtlichen Auseinandersetzungen, Erinnerungen im Streitfall) und Zeitzeugen in den menschenvermittelten historischen Quellen haben, bedürfen nach Singer keiner Kommentierung. Diese Mechanismen sind zum Überleben wichtig, für eine objektive Geschichtsschreibung nur beschränkt verwertbar. Wahrnehmung und Geschichtsschreibung stellt sich als hochaktiver, hypothesengesteuerter Interpretationsprozeß dar, der aus einem Wirrwarr der Sinnessignale nach bestimmten Gesetzen ordnet und die Objekte der Wahrnehmung definiert.

Der Wahrnehmungsapparat trachtet also immer danach, stimmige, in sich geschlossene, in allen Aspekten kohärente Interpretationen und für alles Sein Ursachen und nachvollziehbare Begründungen zu suchen und zu liefern. Dies geschieht auch auf der Ebene der Bedeutungszuweisungen oder Zuschreibung von Kausalbezügen. Aus gleichen Abläufen können völlig verschiedene Schlußfolgerungen gezogen werden, und es können Ereignissen Bedeutungen zugeschrieben werden, die sie in Wirklichkeit nicht hatten oder besser gesagt nicht gehabt hätten. Ein triviales Beispiel ist unsere fast zwanghafte Tendenz, das zeitliche Zusammentreffen von Ereignissen als Ausdruck einer Kausalbeziehung wahrzunehmen.

Die Konstruktion solcher Beziehungen kann wahrscheinlich sein unter einigermaßen konstanten Bedingungen. Fatal wird dieses Extrapolieren, Bedeutungszuweisen und Kausalbeziehungenkonstruieren bei der Anwendung dieses Verfahren von Prozessen, die anderen Gesetzen folgen als jenen, die der Beobachter und Interpret voraussetzt. In diesem Fall führen frühere Wahrnehmungen und Bedeutungszusammenhänge durch diese Voraussetzungen zu Verzerrungen und falschen Wahrnehmungen der neuen und aktuellen Realität.

Noch komplexer als die Konstruktion der Wahrnehmung ist die Erinnerung, also die Wahrnehmung der Vergangenheit, da weitere in der zeitlichen Abfolge erfolgte Wahrnehmungen und deren Konstruktionen in die Erinnerung einfließen, diese beeinflussen und weiter verfälschen. Beim Erinnerungsprozeß ist nur schwer zu trennen, welche Bezüge bereits im Zuge des Wahrnehmungsaktes abgespeichert wurden und welche erst beim Auslesen und Rekonstruieren definiert oder gar hinzu genommen wurden.

Das Abspeichern erfolgt nur langsam und Engramme bedürfen der Konsolidierung. Falls dieser Konsolidierungsprozeß gestört wird, können Gedächtnisspuren ausgelöscht werden, im Tierexperiment durch Unterbrechung der Eiweißsynthese. Da nie mit Sicherheit Störungen der Konsolidierung und Speicherung erfaßt werden können, ergibt sich, daß Gedächtnis und Erinnerung tatsächlich auf Rekonstruktionen von Beziehungen zwischen bruchstückhaften und voneinander getrennten Gedächtnisspuren beruhen, und kaum die tatsächliche vergangene Wirklichkeit wiedergeben können.

Im Kontext von Wahrnehmung und Erinnerung ist nur schwer zwischen Autorenschaft, Authenzität und Fremdzitierung, etwa einem Plagiat zu unterscheiden. In der Umwelt läuft dermaßen viel und mannigfaltig ab, wird zitiert und beschrieben, daß nur eine Auswahl stattfinden kann, und diese Auswahl findet nach eigenen Kriterien statt, die wiederum eine eigene Konstruktion darstellen, insofern nur partiell authentisch sind.

Bernd Holstiege

 

Glossar:

holistisch: ganzheitlich, in der Wahrnehmung verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart und bilden eine Einheit, sodaß die verschiedenen Zeitpunkte der Wahrnehmung verloren gehen.

Engramme: Eingravierungen bzw. Einprägungen in die Nervenzellen durch Veränderungen der Eiweißzusammensetzungen und -strukturen.

Eiweißsyntese: Eiweißzusammenbau und -zusammensetzung

Soma:  Körper

Evolution:  Entwicklung der Welt, Tiere, Pflanzen und Menschen in der Erdgeschichte durch Herausdifferenzierung unter den jeweiligen Umweltbedingungen.

Plagiat:  Nachahmung und Nachbau. Wie Singer beschreibt, kann es im menschlichen Geist eigentlich kaum ein Plagiat geben, da aus einer unzähligen Vielzahl von Informationen die Auswahl nach eigenen Gesetzen erfolgt und somit eine Eigenkonstruktion darstellt.

kohärent: zusammengehörig und -passend, stimmig

Substrat:  Mutterboden, Gehirnaufbau und -zusammenbau

Literatur:

Singer, W. (2002)

Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung.  Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M (''stw 1571'') ISBN 3-518-29196-3

Singer, W. (2003)

Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung.  Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 2003   ISBN 3-518-29

(weitere Aufsätze unter www.bholstiege.de unter "Psychologie und Medizin "und "Neurobiologie"

 

Michael Pauen, Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Fischer Verlag 2004, ISBN 3-10-061910-2

Peter Düweke, Kleine Geschichte der Hirnforschung. Von Descartes bis Eccles, Verlag Beck 2001, ISBN 3-406-45945-5

Michael Hagner, Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung, Wallstein Verlag 2005, ISBN 3-89244-649-0

Brian Burrell, Im Museum der Gehirne. Die Suche nach Gesit in den Köpfen berühmter Menschen, Verlag Hoffmann und Campe 2005, ISBN 3-987-3-455-09521-0

 

Anmerkung:


Glossar und Literatur von Claudia Schulmerich
 

Autor: Bernd Holstiege
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Abfassungsdatum: 26.03. 2006
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