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13. Dezember 10 , 15:51
 

Willensfreiheit aus tiefenpsychologischer Sicht - Serie: Willensfreiheit, Entscheidungen, Verantwortung und Schuld am Beispiel des Strafvollzugs und des Krankheitswesens (Teil 2/2)

Frankfurt am Main (Weltexpress) - Eine Serbin hatte sich 21 jährig von ihrem Freund getrennt, da er ihr zu gewalttätig war. Daraufhin kam er mit vier Freunden, alle haben sie vergewaltigt und zusammen geschlagen. Sie wurde nach England gelockt und wäre wahrscheinlich ermordet worden, wenn die deutsche Polizei nicht aufgepasst hätte und sie dort in Sicherheitsverwahrung genommen worden wäre. Sie zeigte die Männer an, brach vor Gericht zusammen und weiß heute noch nicht, wie die Prozesse ausgegangen sind. Sie wendete sich von den Serben ab und heiratete einen Deutschen. Etwa 35 Jahre später suchte sie mich wegen Alpträumen, in denen sie die Vergewaltigungssituation wieder erlebte, Schlafstörungen und vor allem Schmerzen auf. Erst nach ein paar Stunden erzählte sie mir auf Drängen ihrer noch als Einzige davon wissenden Freundin die Geschichte, wenigstens ihrem Psychotherapeuten davon zu berichten.

Kein Mensch wusste heute von den Vorfällen, nicht einmal ihr Ehemann oder der Sozialbetreuer, der sie mir vermittelt hatte. Auf meine Frage, warum sie niemanden etwas erzähle, meinte sie, sie fürchte die Schande, weil eine Frau, die mit mehreren Männern geschlafen habe, als Hure gelte. Sie ist zwischen der Notwendigkeit des entspannenden Dialogs und ihrer existentiellen Angst schmerzhaft zerrissen. Später fragte sie mich, wann endlich die Schmerzen aufhören würden. Ich entgegnete, vielleicht, wenn das Unaussprechliche aussprechbar, dann nicht mehr so schlimm und schmerzhaft sei. Später teilte sie mir mit, das könne sie nicht, und beendete die Therapie. Das soll nicht heißen, dass sie nicht später mitteilsamer wurde und ihre Ängste und Schmerzen nachließen. Aber damals war sie noch nicht soweit.

Ein Kroate konnte wegen Angstzuständen nicht ins Examen gehen. Er teilte mir mit, das hänge damit zusammen, dass sein Vater ständig fremd gegangen sei, dieses der Mutter vorwarf, sie verlassen und die letzte Freundin geheiratet hatte. Jetzt müssten er und sein Bruder sich um die Mutter kümmern. Auf meinen Einwand, jetzt sei die Mutter doch frei und könne, einen neuen Mann suchen und sie seien frei, entgegnete er, „das würde Mutter nie tun, dann hätte Vater ja recht gehabt!“ Folgerichtig beendete auch er die Therapie. Möglicherweise haben die Gespräche doch später etwas bei ihm bewirkt.

Eherne Gesetze, die über alle Zeiten und Umstände gelten, herrschen nicht nur auf dem Balkan, sondern in nicht so offensichtlicher Form auch in unserer angeblich aufgeklärten Kultur und können zu Krankheiten führen. Von Angstkranken, Männern wie Frauen, kenne ich, dass ihre grösste Angst ist, ihre Schwäche und Angst werde ihnen angesehen „welche Blamage, dann wären sie völlig unten durch, das würde ausgenutzt!“. Sie tun alles, um die Angst zu überspielen, und wundern sich gleichzeitig, wenn ihnen ihre äußere Stärke zurückgespiegelt wird. Oft stehen sie ihren Mann im Alltag, bekämpfen ihre Ängste mit Psychopharmaka oder Alkohol, um solange wie möglich den Starken zu spielen. Ihre Tragik geht weiter. Bei einem ewig Starken freuen sich andere, denen das nicht so gelingt, ihn bei einer Schwäche zu ertappen. Deren Lachen ist die tiefe Demütigung und wird gefürchtet.

Die innerhalb der Kultur in der Kindheit anerzogenen und eingeprägten Normen und Gesetze, ob „Hure“, „Untreue“ oder „Schwäche“, halte ich für die wesentlich schlimmere Traumatisierung als die an sich schon schlimmen Ereignisse. Für Stärke können auch Erfolg, Status oder Leistung stehen. Diese Gesetze gelten über alle Zeiten und Umstände hinweg. Dadurch gehen menschliche Essentials wie der zwischenmenschliche Dialog und das Aufgehobensein bei anderen verloren. Der Serbe hatte sich für die tiefste Demütigung, dass eine Frau ihn verlassen und bloß gestellt hatte, in Kenntnis der Kultur grausam gerächt. Deswegen werden Vergewaltigungen als Kriegsmittel eingesetzt. Vermutlich ging der kroatische Vater deswegen fremd, weil die Söhne bei der Mutter eine wesentlich größere Rolle als er spielten. Man denke an die Heilige Familie - die Mutter jungfräulich, der Sohn der Gott und der schwache Vater im Hintergrund hat für diese Szene das Geld zu verdienen. Für ihre herausragende Rolle hatten die Söhne ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Das Examen wäre das Symbol der Loslösung und Selbständigkeit gewesen, und vor diesem Symbol hatte er Angst.

Kaum ein Mensch wird bei diesen Fällen von Willens- und Entscheidungsfreiheit oder (Un)Verantwortlichkeit sprechen. Leicht wird die Schuld bei der Kultur, dem Vater oder der Mutter, dem Mann oder der Frau gesucht. Der Kranke wird oft aus dem Schneider sein. Auch Straftäter und Mörder haben eine traumatisierende Kindheit. Der Amokläufer Wagner (siehe Teil 1) wird eine Mutter oder einen Vater gehabt haben, der ihm immer das Schlimmste ansah, und dieses Ertapptsein galt über alle Zeiten und Umstände, obwohl ihm sicherlich niemand seine Sodomie ansah. Aber sein Wahn garantierte ihm das Überleben. Auch hat er wahrscheinlich bei Tieren das gesucht, was er bei Menschen nicht fand. Diese können ihm ja nicht seine Schande ansehen.

Wenden wir uns zuerst dem Gesundheit-, beziehungsweise Krankheitswesens zu. In der tiefen traditionellen, kulturellen Überzeugung wird bei der Entstehung von Krankheiten nicht von Willensfreiheit, freier Entscheidung, Selbstverantwortung und Schuld ausgegangen. Ob jemand an Krebs, Herzinfarkt, Diabetes oder anderen Krankheiten erkrankt, ist danach nicht eine Frage der freien Entscheidung oder Schuld. Bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen sieht die Sache schon etwas anders aus, deswegen der Run nach organischen Krankheitserklärungen, um den Erkrankten von aller Schuld zu befreien.

Im Präventiv - und Nachsorgebereich wird es für den Erkrankten beispielsweise beim so genannten metabolischen Syndrom (u.a. Übergewicht, Durchblutungsstörungen, Diabetes, Hypertonie, koronare Durchblutungsstörungen und Herzinfarkt) und den Folgeerkrankungen schon schwieriger. Das eigene Dazutun, etwa zu viel, fettreich und ungesund zu essen und sich zu wenig zu bewegen, dadurch an Übergewicht zu leiden, zu viel Alkohol zu trinken, zu rauchen und sich zu viel Stress zuzumuten, wird oft als Eigenverantwortung, eigene Entscheidung und damit als Schuld aufgefasst. Aber weniger und gesünder zu essen, sich mehr zu bewegen und auf Alkohol zu verzichten, zumindest in Maßen, ist nicht die Welt des Erkrankten. Bewegung ist in seinen Augen anstrengend, Essen macht Spaß, erhöht die Lebensqualität, Alkohol verbessert die Stimmung, " man lebt nur einmal", und im dicken Auto auf der Fahrt zum Briefkasten kann er stolz den errungenen sozialen Status heraushängen. Herrscht das Gegenteil, vermittelt das Essen und Fernsehen wenigstens ein bisschen Lebensqualität, erhöht den Leibesumfang und die Krankheitsanfälligkeit. Bei Alkoholismus wurde lange Schuld zugeschoben, bis die Erkenntnis reifte, dass es sich um eine Krankheit handele. Trotzdem ist der Alkoholiker bei vielen nicht von Schuld befreit, vor allem wenn er alkoholisiert Auto fährt und Schaden zufügt.

Bei Straftaten wird das Opfer geschädigt, und die Strafe dient zur Wiedergutmachung und dem sozialen Ausgleich. Der Begriff "Strafe" wird von einer Obrigkeit wie dem Staat, Gott oder Eltern gegenüber Kindern verwandt, während unter Gleichrangigen der Begriff Rache oder Vergeltung üblich ist. Die Strafe ist also die Rache der Obrigkeit. Sicher ist es ein enormer Fortschritt der Kultur, dass der Staat die Strafe übernommen hat und nicht mehr wie in früheren Zeiten, heute noch in manchen Kulturen, Hexenverbrennungen, Lynchjustiz oder Blutrache erfolgen. Bei Krankheiten ist der Kranke überwiegend selbst geschädigt, so dass kein sozialer Ausgleich erfolgen muss, obwohl das Umfeld auch betroffen und mitgeschädigt sein kann. Deswegen muss der Kranke auch nicht die Strafe des Staates, bei psychischen und psychosomatischen aber die soziale Ächtung fürchten.

Schauen wir uns doch näher die Begriffe „Entscheidung“, „Verantwortung“ und „Schuld“ an, so wie sie im allgemeinen begriffen werden, man sie aber auch anders begreifen kann. In der Abfolge des Lebens nimmt der Mensch ununterbrochen wahr und handelt nach diesen Wahrnehmungen. Er entscheidet sich also immer fortwährend. Das ist sein Schicksal, und dem kann er nicht entgehen. In unserem kulturellen Sprachgebrauch ist die Entscheidung jedoch oft mit richtig oder falsch, gut oder böse, dadurch mit einer Schwere oder Last verbunden. Im griechischen Mythos steht Herkules am Scheideweg. Außerdem wird zur Beurteilung der Richtigkeit der Entscheidung das Ergebnis herangezogen, dann wenn man mehr weiß. Zum Zeitpunkt der Entscheidung handelt der Mensch in meinen Augen jedoch aus vielen bewussten und unbewussten, hauptsächlich sogar unbewussten, sichtbaren und unsichtbaren Gründen und Motiven immer nach bestem Wissen. Besser weiß er es einfach nicht. Dieses Wissen ist eine Kompromisslösung aus vielen widersprüchlichen Motiven. Und wenn jemand nach bestem Wissen handelt, soll das falsch, böse oder strafbar sein? Offenbar ja, wenn die Folgen böse sind, obwohl man auch später nicht mit letzter Sicherheit wissen kann, dass eine andere Entscheidung besser gewesen wäre.

Ähnlich ist es mit dem Begriff der Verantwortung. In dem Wort steckt das Wort Antwort, das heißt, es weist auf einen Dialog zwischen Rede und Antwort hin. Die Begriffe Entscheidung und Verantwortung sind in aller Munde. Dieser Dialog ist von Folgen begleitet. Betrachtet man die Verantwortung von der Seite der Folgen, nimmt jeder Mensch in jedem Augenblick seine Verantwortung war, ein ganz normaler Vorgang. Die Vorsilbe „ver“ weist jedoch darauf hin, dass bei diesem Dialog etwas quer oder schief läuft. Das ist auch bei diesem Begriff der Fall. Ähnlich wie der Begriff Entscheidung wird die Verantwortung mit verantwortlich, unverantwortlich oder verantwortungslos und somit mit einer positiven oder negativen Zuschreibungen verbunden. Das kann wiederum zur Last und Schwere der Verantwortung führen. Der heilige Christophorus trug ein kleines Kind durch eine Furt, das Jesuskind, und brach fast unter der Verantwortung für die Welt zusammen. Die oberen Chargen in Politik und Wirtschaft genehmigen sich aufgrund der Verantwortung immense Gehälter, aber unter den Folgen haben alle zu leiden, oft sogar am meisten die unteren Chargen. Ungerecht ist die Welt, wobei die Wahrnehmung von Gerechtigkeit unterschiedlich und interessensgeleitet ist.

Jeder Mensch beurteilt sich und andere in jedem Augenblick nach Kriterien, die aus Erfahrungen stammen, wie er zu sich oder anderen steht, ob er sympathisch oder unsympathisch ist. Diese Beurteilungen laufen spontan und automatisch ab. Lernt er verschiedene Seiten eines Menschen und der eigenen Person kennen, erweitern sich die Vorurteile zu komplexeren Urteilen, solange der Mensch nicht zu sehr auf seine Vorurteile fixiert ist und Vorurteile mit Urteilen gleich gesetzt werden. Diese Gleichsetzung und das aufgehobene Differenzierungsvermögen ist die Folge von Psychotraumatisierungen.

In unserer Kultur ist verankert, wenn ein Ereignis unglücklich verläuft, an dem mehrere beteiligt sind, die Ursache an einem oder einer Gruppe fest zu machen. Er ist der Schuldige, der Stigmatisierte, der Sündenbock, der für alle herhalten muss, meist weil er der Schwächste ist, die wenigsten Argumente für sich finden und sich folglich am wenigsten wehren kann. Die Anderen sind von Schuld entlastet. Die Psychoanalyse hat herausgearbeitet, die Schuld dient der Abwehr der Scham, ich meine sogar der Lächerlichkeit, den für alle Beteiligten offenbar schlimmeren Gefühlen. Es ist auch leichter, wenn einer die Last trägt, als wenn sie alle tragen. Jesus trug die Schuld für die Welt und wurde gekreuzigt, jedoch wohl nicht allein für die Schuld, sondern weil er von sich sagte „ich bin der Weg und die Wahrheit ". Ein Mensch, auch wenn er ein Gott ist, wird halt gekreuzigt, wenn er die absolute Wahrheit verkündet, da diese das Unglück über die menschliche Welt bringt etwa in absolutistischen Regimen, Zerstrittenheit, Kriegen und Krankheiten.

In dem Artikel über die Depression hatte ich einige Faktoren des intrapsychischen Geschehens angeführt wie die Prägung in der Kindheit und Verinnerlichung der frühen Objekte, wodurch sich die Aggressionen gegen dieses als Autoaggressionen auswirken, die Wahrnehmung der äußeren Welt nach den frühen Erfahrungen und das resultierende Verhalten, die Enttäuschung an der späteren Umwelt und Aggressionen auf diese und die Reaktionsbildung auf Ausgeliefertsein, Ohnmacht und Schuld in Gegenbildern von Stärke, Allmacht, Leistung und Heiligkeit. Ähnliche Faktoren gelten auch bei anderen psychischen, psychosomatischen und sogar organischen Erkrankungen. Welche inneren und äußeren Faktoren zu den jeweiligen oder bestimmten Erkrankungen führen können, ist meist nicht, manchmal bei längerer Beschäftigung mit dem Kranken oder einem bestimmten Krankheitsbild, manchmal zufällig, aber nur wenn eine Wahrnehmung dafür vorhanden ist, nachvollziehbar. Sieht ein organisch fixierter Arzt und sein Patient die Ursachen ausschließlich im Körper, hat er für die Innenbefindlichkeit und die sozialen Bezüge jedenfalls keine Wahrnehmung. Der Patient ist sogar in einer Rechtfertigungs- oder Legitimationsposition für seine Beschwerden, wenn kein organischer Befund nachweisbar ist. Dieser Umstand kann seine Beschwerden verstärken.

Auch ein Straftäter hat zwangsläufig eine ihn prägende Kindheit, für die er ursprünglich nichts kann. Er hat keinerlei Rücksichtsnahme auf seine eigene Person kennen gelernt und kennt sie infolgedessen auch nicht für andere. Die Folgen kann man an seinen Straftaten ablesen. Zumindest spielen beispielsweise bei einem Mörder eine immense Wut, Kränkung, Angst, Schuld, Verwirrung und aufgrund eines anderen Rechtsempfindens enorme Vergeltungs- und Ausgleichsbedürfnisse eine tragende Rolle. An sich sollte er mit seiner Kindheit und den Bedingungen seines weiteren Lebens schon genügend bestraft sein. Er wird aber noch zusätzlich bestraft. Insofern gebe ich Ellen Reinke recht.

Der Einzelstraftäter findet keine gesellschaftliche Einbettung wie etwa Wirtschaftskriminelle oder Mafiosi in einer eigenen Subkultur, die sie von Schuld erlöst, da diese Kriminalität in ihren Kreisen üblich ist und von ihnen nicht als Kriminalität aufgefasst wird. Manchmal herrscht sogar das Gegenteil, etwa wenn ein Millionär im Golfclub noch Steuern zahlt, hat er etwas falsch gemacht und ist unten durch. Pädophile finden diese Einbettung etwa in Internetforen. Zu manchen Zeiten und in manchen Kulturen ist das Morden sogar Norm und deswegen keine Schuld, etwa im dritten Reich der Genozid an Juden oder Morden und Vergewaltigungen als Kriegsmittel. In diesen Zeiten können die Menschen ihre enorme Wut und ihre Rachebedürfnisse legal unterbringen.

Ein Mensch, der zufrieden und einverstanden mit sich und der Welt ist, eine gute Kindheit hatte, gefördert wurde, ist wenig aggressiv. Er achtet sich selber und andere, hat genügend Differenzierungsvermögen zu sehen, dass manch andere das nicht können. Er bezieht etwa Vorwürfe nicht so sehr auf sich selber, sondern belässt sie bei den Anderen, sieht deren Hintergründe und nimmt es ihnen nicht so übel. Er sucht sich ein Umfeld, mit dem er zurecht kommt. Andere versucht er zu meiden oder muss sie einigermaßen gelassen in Kauf nehmen. Er ist auch nicht krankheitsanfällig.

Den Unterschied machen in meinen Augen die Form und der Grad der Psychotraumatisierung aus. In einer Kultur, in der früher in den meist gelesenen pädagogischen Büchern die Maxime vertreten wurde „der Wille des Kindes ist um jeden Preis zu brechen“, ist die Traumatisierung weit verbreitet. Da also viele Menschen die Aggression schon in sich tragen, sich aber an die Normen halten, wenn sie auch am liebsten jemand umbringen würden, entlädt sich ihre Aggression an denen, die sie verletzen (wie anhand der Depression beschrieben). Diese sind die Stigmatisierten, Sündenböcke, man könnte sogar sagen, die Märtyrer für die Anderen. Das gilt jedoch nur für die Mainstream-Kultur, wie im Strafrecht dargestellt. In Subkulturen, wie oben erwähnt, gilt anderes.

Die Aggression, die Normen und die Entladung nach außen in Form von Strafe und Vergeltung sind tief seit Generationen in der Gesellschaft und Kultur verankert. Insofern sind die Feststellungen des Strafrechtlers Michael Walter berechtigt, dass durch die Infragestellung des freien Willens die Grundfesten der sozialen Ordnung erschüttert werden. Da der menschliche Geist und die Emotionen in den Neuronen und im Netzwerk eingeprägt sind und über die körperinterne Kommunikation und über das Verhalten in das Umfeld verbreitet werden, sind sie nicht ohne weiteres aufzuheben. Sie übernehmen den Charakter von Selbstverständlichkeiten, sie verstehen sich von selbst, von Automatismen und Mechanismen und schränken die Willens- und Entscheidungsfreiheit erheblich ein.

Hinzu kommt als Trauma-Reaktion traditionell der Traum von Freiheit und Selbstbestimmung. Man denke nur an den Freiheitstraum der Amerikaner, die aus engen, für sie untragbaren Verhältnissen ausgewandert sind und diesen Traum unter unverantwortlichen Begleiterscheinungen fortleben, einer gigantischen Gefängnisindustrie, immenser Umweltversschmutzung, dem Versuch einer militärischen Weltbeherrschung, einer liberalen Profitmaximierung und einem Fortleben der früheren Enge in rigiden Ideologien und religiösen Sekten. Andere aufstrebende Nationen folgen diesem Beispiel. Für innerlich unfreie Menschen sind die Freiheit und Willensfreiheit das höchste Gut, eine Illusion, an die als Tatsache geglaubt wird, und die als Reaktion auf die traumatisierende Unfreiheit fest im Kulturgut verankert ist.

Die Folge des Freiheitstraums ist, dass ein Mensch Straftaten aus freiem Willen selbstbestimmt getan haben muss. Dadurch ist das Verbrechen einer Straftat umso größer. In diesem Freiheitstraum sind die inneren Begrenztheiten, die Grenze der eigenen Freiheit an der Freiheit anderer und die Notwendigkeit eines Dialogs, Konsens oder Kompromisses außer Kraft gesetzt. Aber wenn auch die Willensfreiheit begrenzt ist, dann muss wenigstens Gedankenfreiheit herrschen. Aber auch diese ist vor allem in Religionen begrenzt „so etwas darfst du nicht mal denken!“, in der Religion die „sündigen Gedanken“ – deswegen das Lied „die Gedanken sind frei…“. Verständlich ist das Verbot der Gedankenfreiheit deswegen, da dem Handeln die Gedanken voraus gehen, auch bei spontanen oder automatischen Handeln diesem frühere, oft sogar traditionsbedingte Gedanken und Erfahrungen zugrunde liegen.

In den bisherigen Ausführungen habe ich versucht, die Verschränkung von Kultur, Gesellschaft und Einzelschicksalen darzustellen. Um die uralten Traditionen zu vergegenwärtigen, in denen sich die Menschen trotz allen technischen Fortschritts wenig verändert haben, habe ich mythische und religiös-mythische Beispiele eingeflochten. Sicher ist die Unterscheidung von richtig oder falsch, gut oder böse, sinnvoll oder sinnlos notwendig. Aber wie gezeigt wurde, hat das anscheinend Sinnlose seinen Sinn in einer uralten Tradition, die dem Sinnträger ohne sein Zutun übergestülpt wurde, in ihm seinen Sinn entfaltet, und nach dem er handeln muss. Insofern herrscht nur eine begrenzte Willensfreiheit, die umso mehr eingeschränkt ist, je stärker eine Gesellschaft und Kultur und das Individuum geschädigt sind. Bei Krankheiten wird die Willensfreiheit wenig diskutiert. Jedoch halte ich die Spaltung von Körper und Seele und den sozialen Bezügen, ebenso im Strafrecht die Willensfreiheit und Schuld für dringend diskussionswürdig. Leider verhindern bei vielen, vor allem bei den Betroffenen und den Nutznießern des Systems, uralte, in den Gehirnprozessen verankerte Traditionen den Dialog.

Von Bernd Holstiege